Kleine indische Jeepkunde
Kleine indische Jeepkunde
Kleine indische Jeepkunde
Einer der gängigsten Jeeps hier in Indien ist ein Tata Sumo, der Landrover Nachbau des hiesigen Stahlgiganten Tata.
Tata baut wohl jeden LKW hier Indien, zumindest alles was etwas schwerer ist, so auch Jeeps und ist hier absolut Markt beherrschend.
Ansonsten sieht man die beiden anderen vorherrschenden Jeppmarken Mahindra und Maruti, während neue Nobeljeeps eher langsam im Kommen sind.
Hier oben im Norden von Indien im Himalajagebiet fungieren die Jeeps als Busersatz und nennen sich dann Sammeljeeps.
Für jeden Sammeljeep kann man an einem so genannten Vorausbezahlschalter einen Platz kaufen, mit festgelegten Tarifen für jedes Ziel.
Die Zeit jedoch ist unbestimmt: der Jeep fährt los wenn er voll ist.
Und voll ist er dann wirklich:
Für einen normalen Jeep werden 11 Plätze verkauft, zuzüglich Fahrer:
Drei Plätze finden sich vorne neben dem Fahrer, meistens die etwas teureren, obwohl gar nicht mal bequemer als die in der zweiten Reihe, die zwar ebenfalls mit insgesamt vieren belegt wird, jedoch nicht den Nachteil des Schalthebels hat, der dem Fahrgast neben dem Fahrer ständig zwischen den Knien liegt.
Hinten unterscheidet es sich lediglich in der Aufteilung, entweder findet sich dort eine weitere Viererreihe oder zwei quer zur Fahrtrichtung sich gegenüber liegenden Sitzbänke, die dann gerne mit sechs Fahrgästen voll gequetscht werden.
Ein normaler mittelkleiner Jeep befördert somit mindestens zwölf bis vierzehn Personen.
Das Gepäck kommt auf das Dach. Und das kann viel sein.
Ein reisender Fahrgast, der gerade eine dreier Couch mit zwei Sesseln aus Massivholz eingekauft hat, wird nicht im geringsten komisch angeschaut, wenn er seinen Einkauf völlig selbstverständlich durch Helfer auf dem Dach festzurren lässt. Da verliert sich ein Rucksack schnell zwischen den tonnenschweren Säcken voller Kartoffeln, Gemüse oder Reis.
Oftmals erkennt man bei solch beladenen Jeeps in der Kurve, dass ihr Schwerpunkt oben auf dem Dach liegt, und nicht im Fahrgastraum mit seinen zwölf Insassen.
Geht die Fahrt in abgelegenere Gebiete mit weniger Fahrgastaufkommen, transportieren die wenigen Jeeps die dahin fahren etwas andere Fahrgastzahlen.
Man könnte nun quasi ein Klassensystem einführen: erste Klasse drinnen, zweite Klasse draußen und dritte Klasse luftige Stehplätze.
Freitag, 23. November 2007
Kleine indische Jeepkunde
Die erste Klasse drinnen ist wie gehabt, oft pro Reihe jeweils um eine Person erweitert, demnach fünfzehn. Oft werden hier auch die großen, erheblich längeren Mahindra Jeeps eingesetzt, die zwei Rückbänke und eine weitere Querreihe haben. In solchen Jeeps findet sich Platz für mindestens zwanzig Personen.
Die zweite Klasse sitzend befindet sich oben auf dem Dach, meist vor dem Gepäck. Drei bis vier Fahrgäste können sich hier dem Freiluftvergnügen hingeben, wobei schon der dritte kaum noch Möglichkeiten findet sich festzuhalten.
Hinten an der Leiter zum Dach und auf dem Reserverad befinden sich die Stehplätze. Sind sie nobel, gibt es sogar ein angebrachtes Trittbrett. Hier reisen mit luftiger Nase drei bis fünf Lebensmüde.
Ein Jeep bietet also bis zu dreißig Personen Platz, inklusive Gepäck - eine wahrlich vollkommen neue Dimension des Reisens.
Ich könnte nun aufhören, allein die Fahrgastzahlen wären aufreibend genug, würde nicht auch der Zustand der Wagen ebenfalls einiges an Aufmerksamkeit verdienen.
Oft sieht man die schon voll beladenen Jeeps inklusive Fahrgäste noch an der „Werkstatt“ stehen, mal mit offener Motorhaube, mal mit Wagenhebern, die weiß Gott wie viele Tonnen tragen können.
Komisch, dass die Leute selten aussteigen, sitzen sie einmal auf ihren Plätzen , warten sie geduldig, auch über Stunden, eingepfercht bis es los geht.
Inder scheinen es zu lieben wenn es eng ist, zumindest kennen sie nichts anderes.
So genannte Werkstätten finden sich überall, eigentlich wird gerade da geschraubt wo es anfällt. So kommt es durchaus vor, einen LKW mitten auf der Strasse mit seinem unter sich auf dem Straßenbelag verstreut liegendem Differential urplötzlich ohne Vorwarnung nach der Kurve zu Gesicht zu bekommen. Oftmals biegen die Fahrer mit Hammer und Stahl die schrägsten improvisierten Lösungen zurecht.
Doch es gibt auch herbe Rückschläge: so war die gebrochene Blattfeder unseres Jeeps bei meiner ersten Fahrt inklusive Dreiercouch dann doch nicht vor Ort zu reparieren. Wir mussten auf unseren um etliche Jahrzehnte älteren Ersatzjeep im entsprechenden Zustand warten. Inklusive cholerischem Fahrer brachte uns dieser fahrende Stahl und Rost in katastrophal wilder Fahrt ans Ziel.
Später sah ich in einer Werkstatt, also am Straßenrand, wie gerade mehrere Blattfedern auf die abenteuerlichste Weisen zusammengeschweißt wurden, um der erhöhten Belastung der Jeeps standzuhalten. Mit einer solchen Federung sieht man bei uns wahrscheinlich einen Vierzigtonner durch die Gegend wiegen.
Eigentlich sollte man bei einem Jeep auch nie auf die Reifen schauen. Ich weiß nicht, ob es in Hindi oder Nepali ein Wort für Profil gibt, falls ja, ist zumindest seine Bedeutung in Bezug auf Reifen nicht bekannt. Und das in einem Gebiet das drei Monate lang Monsun kennt, also eine Regenmenge, für die wir keinen Begriff haben. Es ist mir ein Rätsel, wie sie mit der Last auf solchen Reifen durch den Regen kommen. Und es geht ja im Himalaja nicht nur gerade geradeaus.
Das es Reifen gibt, die nicht einmal die Spur eines Profils aufweisen ist schon fast normal, das schrägste was ich bisher sah, war ein Reifen, der wohl kaum noch irgendeine befahrbare Oberfläche mehr aufweisen konnte und somit schlicht mit dem ausgeschnittenen Profil eines anderen Reifens überzogen wurde. Keine Ahnung wie das hielt, aber irgendwie fuhr der Jeep damit.
Um nun diesen Bericht abzurunden, darf man die Fahrkünste der Inder nicht vergessen zu erwähnen. Es ist mir unbekannt, ob es hier so etwas wie Führerschein oder gar Fahrprüfung gibt, vom Fahrverhalten zu urteilen eher nicht. Inder sind bei weitem die dümmsten Autofahrer, die ich bisher erlebt habe.
Ich versuche immer noch herauszubekommen, nach welchen Regeln sie fahren, weil ich wohl nicht wahr haben möchte, dass es wirklich keine gibt.
Bis auf die Hauptregel: Hupe und fahr drauf los. Alles andere muss dir Platz machen, wenn deine Hupe nur laut genug ist. Und das muss sie sein, wenn sie in dem Meer von Abertausenden von Hupen nicht untergehen soll. Ist dein Vordermann dir zu langsam, hupe, fährt er nicht weg, hupe zweimal und überhole ihn ohne nach vorne zu schauen. Kommt dir dann einer entgegen, und das können genauso gut zwei sein, entscheidet die stärkere Hupe und Nerven.
Inder sind auch unfähig zu wenden oder enge Kurven zu nehmen, da sie immer erst einmal rein fahren und sich dann stehend und hupend überlegen, wie sie nun weiter kommen. Bisher habe ich es noch nie gesehen, dass jemand rückwärts fuhr um Platz zu schaffen.
Blinken? Ich glaube dass viele nicht wissen, was dieses seltsame gelb blinkende Lämpchen sein soll. Blinken hilft zudem auch gar nichts, denn wenn du abbiegen willst, dann fährst du einfach, es sei denn einer hupt dich weg.
Indische Autos erkennst du als erstes an den eingeklappten Rückspiegeln. Keiner macht sich die Mühe sie aus zu klappen, geschweige denn zu benutzen. Alles was hinter dem indischen Autofahrer liegt ist uninteressant, da eh nicht mehr mit seiner Hupe zu erreichen. Absurd wird es, wenn sie mit den aberwitzigsten Melodien untermalt rückwärts fahren und dabei vorne hupen.
Eine der schrägsten Eigenschaften ist es hier im Himalaja Benzin zu sparen, nicht der Umwelt, sondern wahrscheinlich des Geldbeutels wegen, doch wirklich schlüssig ist mir der Spareffekt nicht: so wird bei dem kleinsten Hügel der Motor ausgeschaltet und die Karre rollen gelassen. Keine Angst hören tust du sie, denn die Hupe bleibt unentwegt an, doch eine Talabfahrt eines oben beschriebenen Jeeps ohne Motorbremse ist gelinde gesagt grenzwertig.
Wenn ihr zuhause wüsstet, was eure Karren alles mitmachen und aushalten, würdet ihr sie nur mal anständig fordern!