Wenn sie ebenso lange ausharren wie ich, werden wir die Endstation des Zuges nach etwa 40-stündiger Fahrt, die uns durch vier Bundesstaaten führen wird, erreichen. Zeit genug einander kennen zu lernen. Dass man einander kennen lernt, ist absolut unausweichlich und zwar nicht, weil es der göttliche Wille Ramas, Shivas oder Ganeshs wäre, sondern weil allen Indern, von den Tamil sprechenden des Südens, über die hellhäutigen Sikhs des Punjab bis zu den Buddhisten des Nordens ein ausgeprägtes Kontaktbedürfnis angeboren ist. Dies bringt jeden Gast dieses Landes früher oder später in die Situation einer kleinen Inquisition, in Form eines freundlich aber bestimmt geführten Interviews.

In einem altertümlich gestelzten Englisch wird die Fragerunde mit „What is your good name, my lady?“ eröffnet, worauf sich dann die Erkundigungen nach Beruf, Familienstand, Kindern und dem Ziel der Reise unweigerlich anschließen.


Jeevan, der Vorstand der mit mir reisenden Sippe, zeigt sich einigermaßen erstaunt über meinen ehe- und kinderlosen Zustand. So wie sein Vater ihm, habe auch er seinen Kindern bereits die richtigen Partner vermittelt und keines sei darüber unglücklich. Seiner Überzeugung nach sollten kitschig romantische Vorstellungen  von Liebe bei solchen Lebensentscheidungen keine Rolle spielen.

„Schließlich“, Jeevan gestikuliert mittlerweile leidenschaftlich, „schließlich sind es doch alles Menschen, liebenswerte Menschen mit guten und schlechten Eigenschaften“, fügt dann aber noch schnell hinzu: „Die schlechten kann man den Frauen ja abgewöhnen.“


Schnaufend hat der Howrah Express mittlerweile gemächlich an Fahrt gewonnen. Kokospalmenwälder und dichte Urwaldvegetation geben immer wieder den Blick auf  weit verzweigte Kanäle, Flüsse, und Seen frei. Später am Tag werden hier wieder Boote über die unzähligen Wasserstraßen gleiten und Besucher mitten durch die Dörfer der dort lebenden Fischer und Sandgräber führen. Auch Pradeeps Familie ist hier seit Generationen zu Hause, doch wie die meisten anderen Bewohner konnte auch er das traditionelle, aber unrentable Fischerhandwerk nicht fortsetzen. Seit einigen Jahren leben die meisten Menschen hier vom Sand, den sie tauchend vom Grund der Kanäle holen, von der Garnelenzucht und nicht zuletzt vom Geld, das ihnen die Touristen bringen. Ihr Alltag spielt sich hier zu gleichen Teilen auf dem Wasser wie auf den schmalen, oft nur winzigen Landflecken ab. Auf denen haben gerade einmal ihr Häuschen und ein Hof für Hühner und Ziegen Platz.


Pradeep klatschte in die Hände und schreckte damit hunderte schwarzer Kormorane aus den Baumwipfeln auf. Als schwarzblauer Teppich flüchtete der Schatten des Schwarms sirrend über den See. Immer wieder blitzte das eisblaue Federkleid eines Kingfischers auf. Ein Fischadler schwebte über unserem Boot, wilde Bienen surrten um ihre riesigen Nester und zwischen den Bäumen lugten immer wieder kleine Häuser, Moscheen oder Tempel hervor.

Zum Abschied überreichte Pradeep mir eine Kette aus samtig weißen Wasser-Lilien, deren Duft auch am nächsten Morgen noch das ganze Zimmer erfüllte.


Auch jetzt, in Gedanken an diese Bootsfahrt, glaube ich die Lilien zu riechen, als mich klatschende Geräusche aufschrecken lassen. Vier Hijras, in leuchtend bunte Saris gewandete Angehörige des so genannten dritten Geschlechts, ziehen durch die Zugabteile. Sie leben von dem Mythos, Segen sprechen und Menschen verfluchen zu können. Für ihre Gnade, die Reisenden im Zug nicht zu verwünschen, fordern sie nun durch lautstarkes Händeklatschen einen Lohn ein. Meinem skeptischen Blick begegnen sie mit spöttischer Miene, wohl wissend, dass sie mit einer Ungläubigen nicht ins Geschäft kommen können. Jeevans Frau Parvati spendet den Hijras sehr großzügig. Es scheint ihr ein wenig peinlich, denn sie beeilt sich mir zu erklären, dass sie an den Mythos von Fluch und Segen der Hijras nicht wirklich glaube, aber sie täten ihr eben leid. Wer als Hermaphrodit oder transsexueller Mann zur Hijra werden will, muss sich nämlich einer rituellen Kastration unterziehen. Die Überlebenden dieser blutigen Zeremonie stehen fortan unter dem Schutz der Göttin „Bahuchara Mata“, die ihnen auch die Macht verleiht, verfluchen oder segnen zu können. Das Fluch- und Segen-Business sei auf jeden Fall ein ziemlich aufreibendes und wenig einträgliches Geschäft, erklärt Parvati weiter. Andere Berufe stehen ihnen nicht offen, ihre Familien haben sie verstoßen und den meisten bleibt nichts anderes übrig, als sich zu prostituieren.


Die vier Hijras sind mittlerweile schon in den nächsten Wagon gezogen, nur leise dringt ihr rhythmisches Klatschen noch bis zu uns hin. In kurzen Abständen folgen ihnen nun Schuhputzer, bettelnde Kinder, Zeitungsverkäufer und immer wieder Händler mit leckeren Snacks, Obst, Getränken und sogar kompletten Gerichten. Essen macht tatsächlich glücklich! Indische Gerichte werden traditionell auf einem Bananenblatt oder einem Thali, einem großen Metallteller, serviert, auf dem frittierte Brote, Puris genannt, und ein wahrer Reisberg angerichtet sind. Darum herum sind viele kleine Schälchen, die kachoris, gefüllt mit verschieden gewürzten Currys, Soßen, Chutneys und Mixed Pickles, angerichtet. Es ist bislang kaum ein Tag vergangen, an dem ich nicht mit einem kugeligen Reisbäuchlein und dem Geschmack von Kalfi Falooda, indischer Eiscreme, unter meinem Moskitonetz eingeschlafen bin. Heute hatte der chai-Wallah für die Zugreisenden auch Sambar Idli, Reismehlbällchen mit einem Linsen-Gemüsecurry, im Angebot. Während wir essen, ziehen Landschaftsbilder im kaleidoskopischen Schnelldurchgang an unseren vergitterten Fenstern vorbei: Leuchtende Saris, die nach dem Waschen im Fluss zum Trocknen in der Sonne ausgelegt sind, sattgrüne Reisfelder, die in flimmernder Hitze arbeitenden Lastenträger, heilige Kühe, die auf Müllbergen nach Futter suchen und endlos lange Vorstadt-Slums. Wenn die Bilderflut in der zunehmenden Dunkelheit der Abenddämmerung langsam verlöscht, dann machen sich die Inder mit Hilfe eines zum Sichtschutz umfunktionierten Lungis, eine Art Wickelrock für Männer, bettfertig. Überall werden Decken und Zahnbürsten ausgepackt, jeder bastelt sich aus Jacken, Tüchern und Taschen einen Kopfkissenersatz, bis irgendwann alle auf ihrer Pritsche liegen, das Licht ausgeht und das letzte Flüstern und Wispern verklingt, während ein dunkler Wagon voller Menschen durch die Nacht ruckelt.


Jeevans Schwager, ein ältere, kräftig gebaute Mann, mit Seelöwen-Schnauzbart und lindgrünem Strickpullover, hat auf der Pritsche links neben mir Liegeposition bezogen und stimmt schon nach wenigen Minuten in den Chor der indischen Schnarcher ein. Wer nie in einem Schlafwagen zweiter Klasse mit weiteren hundert Mitreisenden durch die Nacht quer durch das Land geschaukelt wurde, der war nicht wirklich in Indien Mit keinem anderen Transportmittel lässt es sich in Indien so entspannt, gemächlich und zuverlässig reisen,wie mit den Zügen der Indian Railways, was selbstverständlich auch die zuverlässig garantierten Verspätungen einschließt. Wer nämlich den Fahrstil der Inder kennt, verzichtet freiwillig auf die Idee, selbst ein Auto steuern zu wollen und wer glaubt, ihm könne Busfahrten nichts anhaben, da er Achterbahn erprobt sei, der saß auch noch nicht in einem Überlandbus, der nachts über hügelige und kurvenreiche Schotterpisten raste und versuchte seine fünfstündige Verspätung aufzuholen. Um eine Jeep-Fahrt kommt man allerdings auf einer Reise durch Indien nicht immer herum. Nicht alle Orte sind an das Schienennetz der Bahn angeschlossen und so manch Haarnadelkurve, in der sich rechts graue Geröllwände auftürmen und links dunkle Schluchten klaffen, lassen sich im Sammel-Jeep einfacher durchfahren als im Klapper-Bus.

Immerhin erbitten sich die Fahrer der Jeeps vor Fahrtantritt von einem Hindu-Priester im Tempel den Segen einer Gottheit. Und was dem Italiener der am Rückspiegel baumelnde Rosenkranz und dem Griechen die kleine Ikone der Muttergottes am Armaturenbrett, ist dem Hindu die Sammlung von Aufklebern beliebter Gottheiten wie Rama und Ganesh, die an der Windschutzscheibe haften.

Feste Abfahrtszeiten gibt es nicht. Der Jeep fährt los, wenn er voll ist und voll ist er dann aber wirklich.

Mit bis zu 17 Mitreisenden, verteilt in, um und auf einem gewöhnlichen Geländewagen des indischen Autobauers Tata, kann man getrost rechnen, denn Inder reisen niemals allein und auch nie mit leichtem Gepäck. Wenn nicht wenigstens die Hälfte der Familie mitfahren kann, so übernehmen immerhin ein Cousin und dessen Schwager die Begleitung der angeheirateten Tante und bringen neben drei Koffern und dutzenden Säcken voller Gemüse und Reis manchmal auch eine Couch und zwei Sesseln aus Massivholz mit. Auch ihr Gepäck wird auf dem Jeepdach festgezurrt.

In Kurven liegt bei derart beladenen Jeeps der Schwerpunkt unübersehbar oben auf dem Dach und nicht im Fahrgastraum mit seinen zwölf Insassen. Während einer meiner ersten Jeepfahrten in Indien lieferte sich unser äußerst cholerischer Fahrer in katastrophal wilder Fahrt ein Wettrennen mit einem Lastwagen, auf dessen Ladefläche sich ein Elefant mit angelegten Ohren gegen den Fahrtwind stemmte.


Das Bild des rasenden Elefanten vor Augen, rutsche ich tiefer in meinen Schlafsack und schlummere ein. „Koffie, koffie, koffie, tschai, tschai, tschai.“ Schon früh am Morgen wecken die Tee- und Kaffee-Wallahs ihre Kundschaft und servieren auch gleich nahrhaftes Puri dazu. Da ist es wieder, dieses prickelnde Gefühl aus Abenteuerlust, Hochgefühl und Reisefieber, mit dem ich gestern Abend eingeschlafen bin und mit dem ich nun der Morgendämmerung entgegen ruckle.

Um in Indien seine morgendliche Toilettensitzung verrichten zu können, bedarf es einiger Körperbeherrschung.  Man lässt sich hier nicht komfortabel auf einer Klobrille nieder, sondern hockt sich einfach über ein Loch im Boden. Für Ungeübte schon grundsätzlich mit einigen Schwierigkeiten verbunden, erweist sich diese Technik  auf Zugfahrten als echte Herausforderung: Unablässiges Schaukeln und der freie Blick durch das Bodenloch auf die Schienenstränge stellen Gleichgewichtssinn und Schwindelfreiheit arg auf die Probe. Auch wird in Indien auf Toilettenpapier verzichtet. Stattdessen bedient man sich der linken Hand und reichlich Wassers. Im Alltag hat das zur Folge, dass man seinen Mitmenschen ausschließlich mit der rechten Hand begegnet und auch sein Essen unter gar keinen Umständen mit der linken zum Mund befördert. In Touristenhochburgen wie Goa soll der Verkauf von Klopapier an Urlauber fast lukrativer sein als das Geschäft mit Souvenirs.


Mittlerweile hat nun auch der letzte sein Bett verlassen und unser Wagon schaukelt einem neuen Tag entgegen, an dem wir wieder mit allem versorgt werden: Chai, Samosas, Obst, Gürtel, Regenjacken, Haushaltswaren und Spielsachen. Und wieder werden Wellblechhüttenslums, Tempelanlagen, Scharen winkender Kinder, Wasserfälle und Bauern auf ihren Ochsengespannen an uns vorbei ziehen.

An einem Bahnübergang steht eine dieser kleinen schwarz-gelben Motor-Rikschas. Im Vorbeifahren zähle ich staunend acht Schulkinder plus Fahrer. Und das in einer Kabine, die sonst gerade zwei Erwachsene mit leichtem Gepäck Platz bietet.


Kurz nach den Bahnschranken verlangsamt der Zug seine Fahrt, bis wir schließlich völlig zum Stehen kommen. Das ist für alle das Startsignal: Keinen Inder hält es auf seinem Sitz, wenn der Zug, in dem er sich befindet, hält, egal, ob an einem Bahnhof oder unplanmäßig auf offener Strecke.

Alles raus, heißt es dann und zwar alle auf einmal. Drängelnd und schubsend sind sie eingestiegen, drängelnd und schubsend schwärmen sie wieder hinaus und stellen sich nun auf die Gleise. Diesmal stehen da aber schon hunderte Menschen. Ihretwegen also mussten wir halten. Jeevan seufzt: „Damit war ja zu rechnen.“ Seit Monaten, so berichtet er, konnte man davon in den Zeitungen lesen. Die Menschen vor unserem Zug, sollen enteignet und umgesiedelt werden, damit anstelle ihrer Dörfer eine Chemiefabrik errichtet werden kann. Etwa 50 ganz in Weiß gekleidete Menschen sitzen schweigend auf den Schienen und mindestens dreimal so viele Schaulustige stehen diskutierend auf freiem Feld. Da und dort ist ein Polizist in der Menge zu erkennen.  Die Frauen in Jeevans Familie sind sich einig: „Gut das es kein Elefant war.“  „Ja, dann hätten wir gleich aussteigen und den Rest zu Fuß weiter laufen können.“ „Wisst ihr denn noch, als wir damals nach Mangalore fuhren und der Trottel von Zugführer eine Kuh nicht gesehen hat?“ In allen Einzelheiten berichteten sie nun von dem armen Kerl, den eine hysterische Meute beinahe gelyncht hätte, weil ihm eine Kuh - das heilige Tier Indiens - vor den Zug geraten war.


Hier gerät gerade niemand in Aufruhr. Rauchend stehen Mitreisende vor unserem Zugfenster. Viele essen, einige haben es sich wieder auf ihrer Liegepritsche bequem gemacht und andere lesen Zeitung.

In der „Times of India“ wird über die neuesten Bollywood-Filme berichtet, in denen es nur so von Lederjackenschönlingen wimmelt, die sich gemeinsam mit ihrer Liebsten auf das Dach eines fahrenden Zuges flüchten müssen. Dort balzen sie dann mit kreisenden Hüften und schwingen sich singend in Kastratentonhöhe, während völlig unscharfe Landschaftsbilder rasend schnell an ihrem Zug vorbeirauschen. Wie ein Filmstar kann sich eigentlich jeder hellhäutige Tourist in Indien fühlen. Insbesondere wenn zum blassen Teint, blaue Augen und rote Haare hinzukommen, heißt es aller Orten: „Photo please!“ Komplette Schulklassen bestürmen den anfangs Ahnungslosen mit der Bitte sich doch gemeinsam fotografieren zu lassen, stolze Eltern drücken einem ihre Babys in den Arm und ganze Großfamilien nehmen das begehrte Fotoobjekt mit erdrückender Herzlichkeit in ihre Mitte.

Auch jetzt, während unserer Zwangspause, hatten mich umherlaufende Reisende aus anderen Zugabteilen entdeckt und um ein Foto gebeten. Die Kinder aus Jeevans Familie hatte ich natürlich schon längst alle zur Foto-Session auf dem Schoß Nachdem auch die letzte Digitalkamera das Klicken eines alten Auslösers imitiert und mich hoch auflösend verpixelt hatte, setzte sich unser Zug wieder in Bewegung. Über fünf Stunden hatten Demonstranten, Fahrgäste und Polizisten hier ausgeharrt. Niemand hatte gepöbelt, gehetzt oder versucht die protestierenden Menschen zu entfernen.


Erst am Abend, als bereits ein roter Riesen-Mond unsere Fahrt begleitet, erzählt mir Jeevan, dass es bei einer anderen Demonstration in diesem Dorf  vor einigen Wochen zu heftigen Unruhen gekommen war. 14 Menschen wurden getötet, hunderte verletzt. Die Zeitungen des Landes hatten tagelang über das brutale Vorgehen der Polizei berichtet. „Noch mehr Opfer kann sich der Chemiekonzern nicht leisten, aber man weiß ja nie. Seien wir froh, dass es so glimpflich abgelaufen ist.“ Jeevan wirkt tatsächlich erleichtert, als er das sagt. Wenig später schaukeln wieder rund 100 Menschen in unserem Abteil durch die Nacht. Seien wir froh, dass es so glimpflich abgelaufen ist!

Als wir unser Ziel am nächsten Morgen erreichen, haben wir 48 Stunden Zugfahrt hinter uns.

Wieder weht ein kühler Nachtwind die Morgendämmerung herbei, warten hunderte Reisende auf ihren Zug und bahnen Gepäck-Wallahs sich ihren Weg zu den Koffer- und Paketbergen. Jeevan und Parvati winken mir zum Abschied noch einmal zu und sind dann wieder damit beschäftigt, ihre Verwandten auf die wartenden Taxen - alles herrlich gelb und schwarz glänzende Ambassadore - zu verteilen. Der Rucksack drückt schwer auf meinen Schultern, aber nach den langen Stunden auf der Zugpritsche verzichte ich auf ein Taxi und laufe stattdessen durch die gerade erwachende Stadt. Die Straßenhandwerker bauen ihre mobilen Werkstätten, meist Schuh- oder Schirmreparaturen, auf. Kinder in Schuluniform winken mir aus vorbeifahrenden Bussen zu. Immer mehr Autos, Fahrräder und Rikschas weben klingelnd und hupend an dem größer werdenden Lärmteppich, der sich bis in den späten Abend hinein dicht über jede Straße, jedes Haus und jeden Winkel dieser Stadt legen wird.

Links führt der Weg  in die Stoff- und Juweliermeile, rechts geht es in das Viertel mit Gewürzen und Küchenutensilien und auf dem Platz geradeaus feilschen bereits die Obst- und Gemüsehändler mit ihren ersten Kunden. Unterhalb einer großen Kreuzung, verdeckt durch haushohe Plakatwände auf denen edle Herrenunterwäsche, elektronische Küchengeräte und ein neuer Bollywood-Film angepriesen werden, entdecke ich plötzlich eine Ansammlung vieler kleiner Häuser, manche aus Stein, die meisten aus Holz und Wellblech, die dicht gedrängt nebeneinander stehen. Wäsche hängt auf zwischen den Häusern gespannten Leinen. Ein junges Mädchen heizt in einem großen Kessel Teewasser an.  Ziegen suchen auf kleinen Lehmhügeln nach Grashalmen und zwei Frauen sitzen plaudernd auf der Schwelle eines Hauses.


Ich erschrecke, als die beiden ihre Köpfe in meine Richtung heben und mich hier oben dabei entdecken, wie ich durch eine Lücke in den Plakatwänden zu ihnen hinuntersehe. Nur 300 Meter vom hochmodernen Shopping-Center entfernt, direkt unter einer ohrenbetäubend lärmenden Straße, schenken mir zwei Frauen, die dort leben müssen, ein Lächeln.


Auch ich lächle und öffne, tausende von Kilometern vom Dorf dieser Frauen entfernt, langsam wieder meine Augen.