Die Ohrentöter
Die Ohrentöter
Die Ohrentöter
"Earkiller, earkiller, earkiller!", hallt es über die Straße. Doch keiner der Passanten nimmt angesichts dieser Drohung Reißaus vor dem Rufer. Im Gegenteil, nach wenigen Minuten scharen sich bereits einige Interessenten um ihn. Nun klappt der "Earkiller" den Deckel seiner wuchtigen Ledertasche auf. Zum Vorschein kommt ein Sammelsurium aus lauter kleinen Flakons, Stäbchen, spitzen Nadeln, Tüchern und Tuben. Sein erster Kunde hat derweil auf einem Mauervorsprung Platz genommen und wartet dort mit schräg gehaltenem Kopf. Er verzieht keine Miene als Geräte in sein Ohr eintauchen, die so furchterregend aussehen wie Zahnarztbesteck. Manche haben hauchdünne Nadeln, die mit kreisenden Bewegungen in den Gehörgang geschoben werden. Andere sind mit einem kleinen Widerhaken versehen, an dem gelbbraune Fundstücke kleben, wenn der "Ohrentöter" sein Werkzeug wieder herauszieht. Jetzt regt sich auch etwas im Gesicht seines Kunden. Doch es ist kein Schmerz, der sich da zeigt, sondern ein erstauntes Lächeln. Es muss ein völlig neues Hörgefühl für ihn sein. Schade, dass die meisten Touristen das eigentümliche Indisch-Englisch der Earkiller, die doch eigentlich Earcleaner sind, so furchtbar missverstehen. Sonst würden sie sicher öfter deren Reinigungsdienste in Anspruch nehmen.
Die Angebote der vielleicht größten Gruppe indischer Dienstleister abzulehnen, ist dagegen fast unmöglich: An Bahnhöfen und Flughäfen, vor Hotels und Restaurants – überall schwärmen sie, die kleinen schwarzgelben Rikscha-Bienen. Ihr Honig sind die Touristen, und die geben ihre Gegenwehr nach einiger Zeit entkräftet auf und lassen sich vernaschen – zu einem Preis, der bei jedem einheimischen Fahrgast zu Tobsuchtsattacken führen würde. Doch für Urlauber gibt es ja schließlich einen speziellen Sonderservice. Jeder Fahrer ist nämlich bestens vertraut mit der Buchungssituation aller, wirklich aller Hotels seiner Stadt. Meist hat er unerfreuliche Nachrichten für seine Passagiere: Die vorreservierte Unterkunft ist leider ausgebucht, so weiß er zu berichten. Doch welch ein Glück, dass ein Onkel des Rikschamannes ein viel besseres Etablissement anzubieten hat. Der Versuch zu widersprechen oder dankend abzulehnen wird garantiert mit drei unschlagbaren Argumenten beantwortet: Klimaanlage, wanzenfreie Betten und Toiletten im West-Stil. Das alles ist in der Unterkunft des Onkels zu finden – und nur da. Es ist eine Frage der Rikschafahrer-Ehre, sich in diesem Duell beharrlich lächelnd durchzusetzen und auch widerspenstigen Gästen zu ihrem Glück zu verhelfen.
Sonntag, 4. November 2007
Die Ohrentöter
Der eigentliche Prüfstein für die indische Dienstbarkeit liegt jedoch im Einzelhandel: Noch während der Kunde den Bekleidungsladen betritt, sind bereits drei Angestellte auf den Weg zur Tür, um sich lächelnd nach seinen Wünschen zu erkundigen. Innerhalb weniger Minuten türmen sich alle grünen Hosen, die es im Laden gibt, vor ihm auf. Sicherheitshalber durchforstet einer der Verkäufer aber auch noch die Lagerräume und bringt gleich farblich passende Hemden und Krawatten mit. Nach der Größe muss nicht gefragt werden. Ein geschultes indisches Verkäuferauge erkennt augenblicklich, welche Maße es vor sich hat.
Bei der Qualität der indischen Küche kann sich der Körperumfang jedoch sehr schnell verändern. Überall wird auf Indiens Gehwegen gebraten, gepresst, geröstet, gehandelt und geschält. Die unzähligen Geschmacksrichtungen reichen von fast unerträglich süß bis brennend scharf. Im Süden sind es die Masala Dosas, die Reispfannkuchen mit Kartoffelfüllung, die wirklich jeden Diätplan zu Nichte machen. Im Norden verführen gefüllte Teigtaschen, Momos genannt, zu kulinarischen Sünden. Hyderabad ist für das Reisgericht Biryani legendär und überall im Land lassen die Chai-Wallahs zuckersüßen Milchtee in hohem Bogen in die Gläser schäumen. Speisen werden in Zeitungspapier eingewickelt, in rostigen Blechnäpfen oder auf Bananenblättern serviert. Für ein komplettes Menü für zwei Personen mit Reis, Brot, Fisch, Gemüse, Saucen, Getränke und Desserts zahlt man in einfachen Restaurants ungefähr so viel wie in Deutschland für zwei kleine Kaffees. In Indien gibt es noch vollkommen gratis ein Lächeln hinzu, das sich auf dem Gesicht der meisten deutschen Kellner nicht einmal bei entsprechend hohem Trinkgeld sehen lässt.
Wenn der Titel "Land des Lächelns" nicht bereits vergeben wäre, Indien würde sich seiner als würdig erweisen. Auch der indische Massage-Meister beherrscht die Kunst, Leistung gegen Lächeln zu tauschen. Zart duftend verteilt sich Jasminöl in seinen Handflächen, die dann sanft über Kopf, Hals und Nacken gleiten. Federngleich streichen sie über die Stirn und elektrisieren die feinen Härchen an den Schläfen. Zur Massage im typisch indischen Stil wird das Ganze durch einen kräftigen Schuss Spiritualität. Wie an unsichtbaren Fäden zieht der Masseur dazu mit weit ausgestreckten Armen kosmische Energie herab und lässt sie in Haar und Hirn seines Kunden strömen. Zum Finale wirbeln seine Fingerspitzen schließlich über die Kopfhaut wie über eine dickfellige Trommel und klopfen die neu gewonnenen spirituellen Kräfte fest ein. Ein entrücktes Lächeln vollkommener Entspannung ist bei dieser Behandlung garantiert.
Auch unterwegs muss auf solche Wonnen nicht verzichtet werden, denn die Masseure kommen sogar in die Zugabteile. Und nicht nur sie. Zugreisenden in Indien wird eine übervolle Palette an Serviceleistungen geboten. Tee, Kaffee, Obst, kleine Snacks, aber auch komplette Menüs werden den Fahrgästen bis an den Sitz gebracht. Anschließend lässt man sich die Schuhe putzen, erwirbt die aktuelle Tageszeitung oder stöbert im Sortiment des mitreisenden Krämers: Gürtel, Regenjacken, grellbunte Plastikpuppen, elektrische Mixer oder Töpfe – nichts, was auf einer Zugfahrt nicht zu kaufen wäre. Der Höhepunkt des Bordprogramms ist erreicht, wenn die Live-Musik einsetzt. Fröhliche Volkslieder, melancholische Sitar-Klänge oder quietschende Pop-Songs aus dem letzten Bollywoodfilm erfüllen die Abteile des Zuges. Draußen ziehen indessen Landschaftsbilder im kaleidoskopischen Schnelldurchgang an den vergitterten Zugfenstern vorbei: Leuchtendbunte Saris, sattgrüne Reisfelder, die in flimmernder Hitze arbeitenden Lastenträger, winkende Kinder und heilige Kühe.
An der Endstation des Zuges warten sie dann wieder: die fleißigen Rikschabienen, die Chefs der Bratküchen, die freundlichen Verkäufer und auch die Earkiller halten ihr Reinigungsbesteck schon parat. Gäbe es den originellen und manchmal gewöhnungsbedürftigen Service all dieser Menschen nicht, Indien wäre trotz Tiger, Tempel und Taj Mahal ganz sicher nur halb so attraktiv für Reisende.