Snooty Ooty
Snooty Ooty
Snooty Ooty
Ein Beutel schlägt gegen meinen Kopf, auf den Sitz neben mir fällt ein Rucksack, Jacken und Tücher werden durch die Fenster ins Innere geworfen und von meinen Mitreisenden in Empfang genommen. Außen klammern sich Dutzende Männer an den Bus, der sein Fahrtempo erst jetzt verlangsamt. Gleich ist der Busbahnhof von Ooty erreicht. Für uns ist hier Endstation. Doch in Indien verlässt man Busse nicht einfach so. Jedenfalls nicht ohne Gunst und Gnade derer, die einsteigen wollen. Die müssen schließlich mit hundert anderen um einen Platz kämpfen. Was schon vor dem Halt des Busses durch die Fenster gereicht wurde, waren Utensilien zur Sitzplatzreservierung. Eine junge Frau reicht jetzt sogar ihren kleinen Sohn durch das Fenster. Der scheint das gewohnt zu sein, macht sich geschickt auf einem der Sitze breit und winkt seiner Mutter nach draußen. Noch bevor der Bus zum Halten kommt, sind bereits alle Plätze vergeben. Dass sich das Gefährt erst leeren muss, bevor es neu befüllt werden kann – mit solchen Logik-Nebensächlichkeiten geben sich indische Fahrgäste nicht ab. Von Innen drängen etwa 70 Frauen, Männer, Kinder und ein Hund zum Ausgang, von draußen stürmen Mütter und Taschen-, Säcke-, Tücher- und Jackenbesitzer ihren Kindern und Besitztümern entgegen.
Gleicht kracht es, dreschen die Aus- und Einsteigen-Woller aufeinander ein, schreien Söhne nach ihren Müttern; gleich - ist alles schon vorbei, einfach so. Überall in Indien stehen sich tagtäglich diese beiden Passagierfronten gegenüber und überall löst sich der Konflikt, ohne dass es zu Kampfhandlungen kommen würde – wie, das weiß allein Shiva.
Nach dem Heer der Passagiere wartet aber schon die nächste Armee – diesmal eine auf drei Rädern: Wie die Wespen schwirren schwarzgelbe Motorradrikschas auf dem Bahnhofsvorplatz umher, stets zum Anflug auf Neuankömmlinge bereit. Ohne jemals eine Lektion von einem Rikschafahrer erhalten zu haben, ist ein Leben in Indien nicht vollkommen. Perfekt wird sie aber auch erst dann, wenn man selbst soweit ist, dem Fahrer eine Lehrstunde zu erteilen. Niemand in diesem Land scheint nämlich besser informiert, als die Fahrer dieser kleinen Flitzer. Auch Yovan ist einer dieser Alles-Besserwisser. Nennt man ihm den Namen seines Hotels, erhält man die prompte Auskunft, dies sei im letzten Monat abgebrannt. Dass wir erst gestern mit der Rezeption telefoniert haben, irritiert ihn nicht: Das beste Hotel war und ist schließlich ohnehin das seines Onkels, der hat Toiletten nach europäischem Standard und eine Klimaanlage einbauen lassen. Yovan macht seinen Job schon sehr lange, er kennt Europäer und ihre Wohnbedürfnisse. Siegessicher fährt er uns zu unserer vorreservierten Bleibe, völlig davon überzeugt, dass wir nach der Besichtigung des Zimmers reumütig zurück in seine Rikscha klettern werden. Erst droht er uns Wanzen, Kakerlaken und Ratten an, dann will er uns die Fahrt zum Hotel seines Onkels sogar spendieren und entdeckt zu aller letzt sein Gewissen, das es ihm verbiete, uns Ahnungslose hier zurückzulassen.
Wir winken ihm zum Abschied.
Samstag, 1. Dezember 2007
Snooty Ooty
Es ist kalt in Ooty, das eigentlich Udhagamandalam heißt. Natürlich waren es die kolonialisierungsfreudigen Briten, welche die Ruhe des über 2.000 Meter hoch liegende Nestes gestört haben. Den hier ursprünglich lebenden Todas kauften sie ihr Land zu Spottpreisen ab und machten mit dem Anbau von Flachs, Hanf, Obst und vor allem Tee riesige Gewinne. Dieses Ausbeutungsschema hatte sich ja bereits an anderen Stellen in Indien bewährt. In Ootacamund aber schufen sie die Königin der Hill Stations, die niedliche Queen Ooty. Hierhin flüchteten die bleichgesichtigen englischen Snobs vor der Hitze des Flachlandes. Snooty Ooty wird der Bergort deshalb auch genannt, doch vom Erbe seiner britischen Bewohner ist nicht viel erhalten geblieben.
Auf der Suche nach einem wärmenden Tee fallen uns hier und da ein paar Häuser der Raj-Ära auf. Ein hoher Bretterzaun soll die Sicht auf die Pferderennbahn verbergen. Ein indisches Ascot war die Bahn aber sicher nie. „Big Ben Times“ verkündet ein Schild über einem Uhrenladen, dessen Uhren so aussehen, als hätten sie den Job als Zeitmesser aufgegeben, als die Briten Indien endgültig verließen. Als wir um die nächste Ecke biegen, taucht eine große sattgrüne Fläche vor uns auf. Rasen ist es nicht, sondern ein See, einer der sich getarnt hat. Einst ruderten hier noble englische Familien, heute wuchern Algen und Schlingpflanzen so stark, dass vom Wasser lange nichts zu sehen ist. An einigen Stellen hat man den Teich von seinem Teppich befreit und bietet wieder Ruder- und Tretboote an. Kein Bewohner Ootys würde eine solche Bootsfahrt wagen, weiß doch jeder, dass die ungeklärten Abwässer der Stadt hier hinein fließen. Eher schon käme ein Ausritt in Frage. Auf Ponys kann man in ein Dorf der Todas, einem Bergstamm von Hirten, reiten. Die einstigen Einwohner der Nilgiri-Region haben die britischen Kolonialherren überlebt – knapp zwar, aber es gelang ihnen. Wir verzichten auf eine für Touristen inszenierte Folklore in einem Toda-Dörfchen und lassen uns lieber vom Zufall mit authentischen Begegnungen beschenken. So wie auf einer unserer Wanderungen durch Ootys Hochland. Wie die Zähne im Unterkiefer eines alten Mannes sehen die Hügel dort oft aus: weißgraue Stümpfe, dazwischen große Lücken und immer wieder abgebrochene Spitzen. An anderen Stellen liegen sie wieder so rund und sanft da, als lägen Riesen auf dem Rücken und streckten ihre Bäuche in die Sonne. Überall sind Terrassen mit Teesträuchern in die Hänge gebaut. Im Einheitsgrün der Teelandschaft leuchten hier und da rote, gelbe oder blaue Punkte auf. Wie achtlos auf ein Gemälde gekleckste Farbtupfer wirken die Teepflückerinnen in ihren Trachten, wenn man sich ihnen aus der Ferne nähert. Sie grüßen und winken, als wir an ihnen vorbeigehen. Auch durch viele ihrer Dörfer kommen wir während unserer Wanderung. Etwas besser gestellte Familien konnten sich kleine, in die Hänge gebaute Steinhäuser errichten. Die anderen leben in bleistiftfarbenen Blechhäusern. Vor einem dieser Häuser sitz ein alter Mann. Er grüßt oder lächelt nicht, winkt uns aber zu sich heran. Wir sind auf die übliche Fragerunde gefasst: What's your good name? How old are you? Are you married? How many children do you have? Aber außer unseren Namen, will Joseph erst einmal nichts von uns wissen. Nein, Joseph hat nicht auf uns gewartet, um etwas zu erfahren, Joseph braucht jemandem, der ihm Zeit und Aufmerksamkeit schenkt, jemandem der sich seine Geschichten anhört. Wir sind gute Zuhörer.
Joseph wurde hoch im Norden Indiens, an der Grenze zu Bhutan geboren und hätte im Traum nicht daran gedacht, dass es ihn einmal so tief in den Süden Indiens verschlagen würde. Eigentlich sind es die Frauen, die in Indien nach der Hochzeit ihre Familien verlassen und fortan mit der Familie des Ehemannes leben. Bei Joseph war es umgekehrt. Sein Schwiegervater hatte es bis in den Rang eines Hawaldar, eines Unteroffiziers der Britischen Armee gebracht. Doch als Indien unabhängig wurde, schied er freiwillig aus dem Militärdienst aus und übernahm stattdessen die gut gehende Landwirtschaft seiner Eltern. Drei Töchter hatte ihm seine Frau geboren, aber keinen Sohn, der sein Erbe antreten und die Felder weiter bewirtschaften würde. Heute suchen Eltern per Zeitungsinserat nach den passenden Ehegefährten für ihre Kinder, Josephs Schwiegervater verließ sich auf bereits bestehende verwandtschaftliche Beziehungen. Der richtigen Kaste sollte der Bräutigam angehören, natürlich auch Hindu sein, eine gute Erziehung schien ihm auch vorteilhaft, aber wichtiger als das Geburtshoroskop des Zukünftigen war ihm dessen Fähigkeit auf dem Feld arbeiten, organisieren und mit Geld umgehen zu können. Die Verwandten wurden schließlich rund 2.000 Kilometer von Ooty entfernt in Kalimpong fündig. Dort führte Joseph mit seinem verwitweten Vater und seinen zwei Brüdern eine kleine Tee- und Obstplantage. Der älteste von ihnen würde den Hof übernehmen. Unglücklich war Joseph als jüngster Bruder also nicht über die Möglichkeit durch eine Ehe eigenes Land bekommen zu können und außerdem war seine Braut Manisha auch noch hübsch. Mein Blick scheint skeptisch, den Joseph schmunzelt und erklärt: "Das Wasser fängt langsam an zu kochen, wenn man es aufs Feuer stellt."
Die Liebe zwischen ihm und Manisha hat Zeit gebraucht, sie ist gewachsen und hat sich zu etwas so Großem entwickelt, dass er sich ein Leben ohne sie nicht vorstellen wollte, als sie vor drei Jahren starb. Aber wie immer hat sich Joseph darauf verlassen, dass ihm das Leben so begegnen wird, wie er ihm: offen, gelassen und bereit auch Prüfungen anzunehmen. So ist es ihm gelungen, sich nach der Hochzeit in der neuen Heimat einzuleben und so konnte er auch nach Manishas Tod wieder Freude am Leben finden.
Er habe gehört, dass viele Menschen in Europa sich entwurzelt und heimatlos fühlen, dass sie unter einem fehlenden Lebenssinn litten. Wir nicken. Ob es denn daran liegen könne, will er wissen, dass wir unsere Vergangenheit verhindern? Wir zucken ratlos mit den Schultern.
Ein lautes Pfeifen echot durch die Täler. In der Ferne sind die blaugelben Waggons der Nilgiri Blue Mountain Railway zu erkennen. Kaum schneller als ein Fußgänger fährt der Toy Train von Ooty Richtung Coonor. Erst als das letzte Schnaufen und Rattern der Bahn verklungen ist und auch der Wind das Pfeifen der Lok nicht mehr zu uns herüber trägt, erklärt Joseph uns seine Theorie der verhinderten Vergangenheit.
"Die meisten Menschen leben ausschließlich für das Zukünftige und Neue, anstatt für ihre Traditionen und das Jetzt. Zeitlebens leugnen sie ihre Gegenwarten immer so konsequent, dass kein Augenblick bleiben und alt werden kann. Nichts, rein gar nichts kann zur Vergangenheit werden, an die sie sich erinnern und festhalten können. So bleibt alles flüchtig und leer."
Er hält einen Augenblick inne, steht dann auf und reicht uns die Hände: "Aber ihr beiden wisst das doch alles schon, sonst wärt ihr nicht hier."