Mit Barbie, Böllern und Bontempi
Mit Barbie, Böllern und Bontempi
Mit Barbie, Böllern und Bontempi
Eine indische Weihnacht
Fast hätte ich die Weihnacht verschlafen. Es war nämlich wirklich sehr still in dieser heiligen Nacht. Kein Geläut hatte zur Christmette gerufen. Nur das Licht des rot leuchtenden Neonkreuzes strahlte vom Kirchendach in die Dunkelheit des Heiligabends und kündete blinkend von der Besonderheit dieser Nacht.
Für meine Adventskranzimprovisation hatte ich mir extra einen kleinen Weihnachts-Elch aus Ton mitgebracht. Der stand nun mit keck gebundenem roten Schal zwischen Farnzweigen, exotischen Blütenblättern und vier Kerzen und schaute grinsend zu, wie ich in meine Kleider hastete.
Zwei Moscheen gibt es in Madikeri. Fünf Mal am Tag erinnern ihre Muezzine die Gläubigen mit krächzend rasselndem Lautsprechersingsang ans Gebet. Ihre Rufe schallen immer wenige Sekunden Zeit versetzt über die Stadt. Vom Dach des kleinen Häuschens, das ich mir dort gemietet hatte, hörte ich den Gesang des ersten Muezzins immer besonders gut, dem kurz darauf der des zweiten fast wie ein Echo folgte.
Auch Madikeris Hindupriester beschallen die Umgebung ihrer Tempel gern. Möglichst hohe, grelle Töne bohrten sich schon frühmorgens an die Schmerzgrenze meiner europäischen Ohren. Die Christenheit bleibt in dieser Stadt jedoch meist stumm. Bloß sonntags scheppert ein blechernes Glöcklein zum Gottesdienst.
Freitag, 7. Dezember 2007
Mit Barbie, Böllern und Bontempi
Bestimmt hatte der Messdiener auch am Heiligen Abend an der dünnen Kordel gezogen, um der armen Glocke den Schlag zu versetzen. Doch gehört hatte ich es nicht und beinahe verschlafen. Nun stand ich im Schein des roten Neonlampenkreuzes vor der Kirche. Auch aus dem Kircheninnern strahlte es heraus. Ein Generator ratterte. Dutzende grell bunte Lichterketten flackerten mit den defekten Neonröhren an der Kirchendecke hektisch um die Wette.
Im Hof vor der Kirche war eine Krippe aufgebaut. Weißblond gelockte Barbiepuppen schwebten als Engelchor im Watten-Wolken-Himmel über Klein-Bethlehem. Die Hirten auf dem Felde, eine Ansammlung feisten Stofflumpengesindels, drängten sich zusammen mit dem Verkündigungsengel an die rechte Außenwand der Holzbude, gerade so als gingen sie in Deckung. Der Hauptdarsteller fehlte noch.
Ein Schild am Eingang zur Kirche forderte die Besucher dazu auf, das Gotteshaus ohne Schuhe zu betreten. Was mag Gott gegen warme Füße einzuwenden haben? Ich streifte meine Schuhe ab und ließ sie in einem Gewimmel aus Latschen, Turn- und Stöckelschuhen zurück. Meine ins Weihwasserbecken am Eingang eingetauchte Hand blieb trocken. Von der Kirchendecke hing ein Gestrüpp aus Lichterketten und Plastikblumen. Darunter war die Gemeinde feierlich verschlafen versammelt. Viele Besucher hielten die Augen fest geschlossen. Dem Mann links neben mir war das Kinn auf den Kopf seines Kindes gefallen, das gegen seine Brust gelehnt schlief.
Von der Schar der Müden fast unbemerkt zog der Pfarrer in die Kirche ein. Kurz nach der Ankunft am Altar wendete er dort und eilte den Mittelgang entlang wieder aus der Kirche hinaus, im Arm eine Babypuppe. Irgendwo hinter dem Altar muss sie gelegen und auf ihren Auftritt als Jesus-Kind und den Transport durch den Pfarrer höchst selbst gewartet haben. Mit der Christuskindfigur im Arm schritt dieser nun zur Krippenauffüllaktion. Der kleine Puppen-Heiland war ein auf Hochglanz poliertes Pummelchen, um dessen überdimensionalen Babykopf sich goldblonde Löckchen kringelten. Mit blau beschatteten Lidern, leuchtendem Wangenrot und einem dümmlichen Grinsen kam er in der Krippe zu liegen. Er war um ein Vielfaches größer als die Hirten auf dem Felde. Kein Wunder, dass die sich in Erwartung eines solchen Giganten lieber Platz machend an die Wand drängten.
Mit der Rückkehr des Pfarrers in die Kirche setzte auch der Chor zum ersten Lied dieser Messe an. Die Mitglieder dieser elenden Gesangsgemeinschaft standen sicherlich nicht allesamt mit dem Rücken zur Gemeinde um unerkannt zu bleiben, sondern wahrscheinlich um nicht in die entsetzten Gesichter ihrer Zuhörer blicken zu müssen. Doch diese blieben ungerührt müde. Weder der Gesang noch die schrägen Klänge einer Heimorgel oder das Ohren zerreißende Rückkopplungspfeifen der Lautsprecher führten bei den Gottesdienstbesuchern zu Missfallensbekundungen. Nicht ein einziger der weltbekannten Christmas Carols war zu hören. Kein „Gloria“, kein „Ihr Kinderlein kommet“ und erst recht kein “Stille Nacht, heilige Nacht“ erklangen. Verpoppte indische Volksweisen leierten sich im dumpfen Bontempi-Rhythmus durch die Bänke.
Ein paar Reihen vor mir sitzt ein geistig behinderter Junge, beide Zeigfinger fest in die Ohren gesteckt. Das junge Mädchen neben ihm, vielleicht seine Schwester und offenbar für seine Aufsicht zuständig, zerrte heftig an seinen Armen. Es gelang ihm immer wieder wenigstens ein Ohr mit dem Finger zu stopfen. Als der Pfarrer in der ersten Musikpause zu sprechen begann, hatte die Benimmwächterin aufgegeben. Die flachen Hände fest gegen die Ohren gepresst, saß der Junge da und blickte lächelnd auf den am Kreuz hängenden Jesus über dem Altar. Kurz war ich in Versuchung mir ebenfalls die Ohren zu zuhalten, als der Bontempi-Orgler wieder ansetzte, doch diesmal leiteten die Klänge schon den Gang zur Heiligen Kommunion ein. Der letzte Weihnachtsgottesdienst zu Haus fiel mir ein. Die Gemeinde hatte die Kirche damals unter Tränen lachend verlassen. „Liebe Gemeinde, wir haben ein Problem,“ hatte unser Pfarrer damals die alles andere als frohe Botschaft verkündet. „Wir kriegen den Tabernakel nicht auf.“ Keine frohe, eine fröhliche Weihnacht war das.
In der indischen Weihnacht war der Zugang zu den Hostien jedoch offensichtlich frei. Genauso chaotisch unkoordiniert und rücksichtslos wie sonst im Straßenverkehr bahnten sich die Inder jetzt nämlich ihren Weg zur Heiligen Kommunion. Statt mit Hupen und Klingeln, Flüchen und Drohungen begleiteten hier die synthetischen Orgelklänge und die tonalen Missgeschicke des Chores die Drängelprozedur. Ein Quietschen und Pfeifen, das einem länger im Ohr bleibt, als der Leib Christi im Magen.
Keine Spur mehr von Müdigkeit bei den Gemeindemitgliedern. Durch Hostien gestärkt, drängten sie zum Ausgang und suchten nach ihren Schuhen. Die Abschlussworte des Pfarrers gingen in den "Happy Christmas"-Rufen unter. Nach Hause ging noch niemand. Alle warteten im Kirchenhof versammelt. Einmal im Jahr werden die sonst so mäuschenstillen Christen unüberhörbar. Vor den Augen des frisch gebetteten Christuskindes wurde nun auch den bereits schlafenden Hindus und Moslems der Stadt die Geburt des Messias mit Böllern und Raketen verkündet.
Der kleine Jesus lag im Schein des roten Neonkreuzes mit purpurrotem Gesicht als kämpfe er mit Blähungen. Die Barbieengelschönheiten lächeln auf ihn herab. Wenige Meter von der Krippe entfernt, auf dem Bordstein vor der Kirche lag ein Mensch. Nur sein verfilztes Haar ragte aus der Jutesackdecke hervor, mit der er sich umhüllte. Das Licht des neonroten Kirchenkreuzes fiel nicht auf ihn.
Kein Stern leuchtete mir auf dem Heimweg. Als ich mein Haus erreicht hatte, leuchtete auch das Neonkreuz schon nicht mehr. Der Weihnachts-Elch im Adventskranz stand zu nah an einer Kerze. Dunkelroter Wachs war über sein Elchgeweih getropft. Ich kratzte ihn mit dem Fingernagel ab und rollte die Wachsschicht zwischen Daumen und Zeigefinger zu einer kleinen roten Kugel. Der erste Weihnachtsfeiertag brach an, es wurde langsam hell draußen. Der Muezzin rief zum ersten Gebet des Tages. Ich wartete auf die Rufe des zweiten.