INDIEN
Vor vier Wochen erst sind wir zurückgekehrt aus dem Land, für das ich, nach all den Wochen in dem ich in ihm leben durfte, fast ebenso viel Bewunderung und Liebe wie Abscheu und Entsetzen empfinde. Ein Land, in dem einem das Lachen oftmals nicht bloß sprichwörtlich im Halse stecken bleibt und das einen doch auch immer wieder bezaubert, gefangen nimmt und nicht wieder loslässt, bis ...

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Bildbaendiger Selections 2009 Gib Ganesh keine Gummibären! Autorin ohne Grenzen 2008
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Mit Ganesh, Allah, Buddha und ein bisschen auch mit Jesus - neun Monate durch Indien

Beiträge Vorschau

Taschengeldtag
Die Treppenstufen - alle in einem erbärmlichen, Sturz provozierenden Zustand - führen in einen indischen Teekeller. Unten angekommen blickt man geradewegs durch die Tür am anderen Ende des kleinen Gastraumes in die angrenzende Küchenkatakombe. Vor russschwarzen Wänden dampft heißer Tee in blechernen Kesseln. Zwei Kinder spülen im Licht des Herdfeuers Gläser.
Im Gastraum stehen dicht aneinandergedrängt lange Holztische und Sitzbänke. Zu Stoßzeiten sitzt man hier Rücken an Rücken. Inder unterschreiten in ihrem Alltag ohnehin stets das Mindestmaß an üblicher Distanz, da ist die Kehrseite des Mitgastes als menschliche Rückenlehne absolut willkommen, erhöht sie doch den Sitzkomfort.
In einer Glasvitrine liegt das sorgfältig gestapelte Süßwarenangebot des Ladens. Rosaweiße Zuckerschnittchen marschieren zur Parade, Mürbeteigröllchen kringeln im Halbrund und safrangelbe Reis-Mandelbällchen türmen sich zu Pyramiden.
Von der Bank direkt neben dem Eingang bieten sich die besten Aussichten nach draußen. Über die drei Stufen hinweg blickt man aus der Kellerperspektive hinauf auf eine Straßenkreuzung. Wie eine Lupe vergrößert dieser kleine Ausschnitt den Einblick auf die Welt dort oben und verdichtet den Eindruck, den man vom Leben in dieser kleinen Stadt gewinnt. Beinpaare hasten vorbei und führen Schuhwerk vor - von der Jesuslatsche bis hin zu glänzenden Lackschuhen mit abgelaufenen Absätzen. Ein kleines Mädchen stolpert an der unnachgiebig ziehenden Hand ihrer Mutter vorbei. Hagere, kleine Männer ächzen mit schweren Lasten auf ihren Rücken über den Bordstein. Die Insassen hoffnungslos überfüllter Jeeps blicken zu uns hinunter, während ihre Fahrer versuchen, sich den Weg durch die Kreuzung frei zu hupen.
An der obersten Stufe zum Teekeller bleibt ein Beinpaar stehen. Der Strom der Passanten stockt kurz und fließt dann hinter dem Hindernis vorbei weiter. Es ist ein alter Bettler, der dort im grauen, übergroßen Parka steht. Er gehört zum Stadtbild. Tag für Tag sitzt er auf der gegenüberliegenden Straßenseite auf einem Mauervorsprung und hält jedem Vorbeieilenden eine Tasse entgegen, um ein Paar Rupien zu erbetteln. Jetzt hält er seine Tasse mit ausgestrecktem Arm in den Teekeller hinunter.
Aus der Küchenkatakombe rennen die beiden Spülkinder darum um die Wette, wer den alten Mann als erstes erreicht. Der Junge gewinnt das Rennen. Das Mädchen bleibt an der Glasvitrine zurück. Aber auch der Sieger steigt nicht zu dem Bettler hoch, sondern bleibt am untersten Treppenabsatz stehen. Von dort streckt er dem Wartenden fordernd die offene Hand entgegen. Kurz stehen sich beide so mit ausgestreckten Armen gegenüber. Schließlich drückt der Alte dem Kind wortlos ein paar Münzen in die Hand. Dass er ein Getränk dafür erwartet, ist nur anhand der Tasse zu erkennen, die er immer noch ausgestreckt in Kellerrichtung hält. Beide Kinder verschwinden mit dem Geld hinter der Glasvitrine. Weiter passiert nichts.
Der Bettler wird unruhig. Er beugt sich ein wenig nach unten, um weiter in den Gastraum blicken zu können. In dem Moment tritt ein älterer Mann aus der Küche. In der Hand hält er ein randvolles Glas heißen Tees, den er nun eilig in die Tasse des Bettlers umfüllt. In dieser großen Tasse wäre noch gut Platz für ein weiteres Glas Tee gewesen. Ob er dies auch erkannt hat und deshalb so enttäuscht in die Tasse blickt, ob er über den Unterschied zwischen halbvoll und halbleer sinniert oder ob er für etwas ganz anderes bezahlt hat, verrät er nicht. Ohne auch nur einen Schluck getrunken zu haben, dreht er sich nach einigen Minuten um und reiht sich schlurfend wieder in den Passantenstrom ein.
Hinter der Glasvitrine sitzen immer noch die beiden Kinder. Der Junge hält eine alte Limonadenflasche in der Hand. Die Rupien, die er von dem Alten für den Tee bekommen hat, hat er in die Flasche gesteckt. Ein paar andere Münzen waren schon darin, nur so viele aber, dass sie gerade den Flaschenboden bedecken. Stolz schütteln die Kinder nun abwechselnd ihre Taschengeldflasche und lassen die Münzen darin klimpern.
Almosen geben die Ladenbesitzer dem Bettler nicht, an ihm bereichern wollen sie sich aber auch nicht. Jedes mal wenn er auf der obersten Treppenstufe ihres Ladens erscheint, ist deshalb für die Spülkinder Taschengeldtag.